Zu den Inhalten springen

Navigation

Suche

Servicenavigation

Funktionen

| Schriftgröße
 

Maßregelvollzug durch sprachliche und kulturelle Besonderheiten vor großen Herausforderungen

Andernach. Die 15. Forensiktage der Klinik Nette-Gut für forensische Psychiatrie (KNG) standen im Fokus der „Flüchtlingsdebatte“, von der auch der Maßregelvollzug unmittelbar betroffen ist. Unter dem Titel „Under Pressure – Flüchtlinge, Migranten und Behandlungsdruck im Maßregelvollzug“ diskutierten rund 140 Fachleute aus Deutschland und dem europäischen Ausland.

 

Immer häufiger müssen Flüchtlinge und Migranten begutachtet werden, die psychisch erkrankt, nicht selten traumatisiert und durch Straftaten mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Der Maßregelvollzug wird dabei durch sprachliche und kulturelle Besonderheiten vor große Herausforderungen gestellt. Dr. Frank Goldbeck, Ärztlicher Direktor der KNG, fasste die Themenkomplexe der Forensiktage so zusammen: „Es geht um Patienten mit anderem kulturellem Hintergrund, um Behandlungsdruck, Langzeit-Patienten und die Novellierung des Paragrafen 63 Strafgesetzbuch.“

 

„Das Land schätzt die Arbeit im Maßregelvollzug äußerst wert“

 

Das Thema „Flüchtlinge“ sei angekommen in den psychiatrischen Einrichtungen, sagte Dr. Gerald Gaß, Geschäftsführer des Landeskrankenhauses (AöR), Träger der KNG. Die Frage sei nun: „Wie können, wie müssen wir uns auf die veränderte Situation einstellen?“Dr. Alexander Wilhelm, Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie sowie Aufsichtsratsvorsitzender des Landeskrankenhauses, sagte, es herrsche die hohe gesellschaftliche Erwartung an Sicherheit – dass Patienten aus dem Maßregelvollzug erst entlassen werden, wenn sie geheilt sind. Die Folge waren in der Vergangenheit „zu lange Aufenthaltszeiten“ und schließlich die Reform des Paragraphen 63 StGB. Zwar seien die Auswirkungen dieser Reform nicht so gravierend wie zunächst befürchtet, dennoch mahnten die Gerichte frühere Entlassungsziele für die Patienten an.

 

Komme es jedoch bei Lockerungsmaßnahmen zu einem Missbrauch, sei dies öffentlichkeitswirksam, wobei es in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle spiele, dass dabei kaum Straftaten begangen werden. Dennoch werde der Maßregelvollzug „in schlechtes Licht gerückt“. Umso wichtiger war es Wilhelm, deutlich zu machen: „Das Land schätzt die Arbeit im Maßregelvollzug äußerst wert. Wir lassen uns in dieser Haltung nicht beirren, auch wenn der Druck steigt.“

 

Welche Auswirkungen haben kulturelle Aspekte auf Kriminalitätsprognostik?

 

Inhaltlich wurde zunächst die Flüchtlingsthematik aufgegriffen. In diesem Bereich tätige Juristen bewerteten die Sachverhalte. Es wurde darüber gesprochen, ob und inwieweit Kriminalitätsrisiken von Flüchtlingen und Migranten für an der Basis tätige Helfer frühzeitig zu erkennen sind, wie Maßregelvollzugskliniken versuchen, sich den neuen Herausforderungen zu stellen und welche Auswirkungen kulturelle Aspekte auf die Kriminalitätsprognostik haben.

 

Am zweiten Tag der Forensiktage beschäftigten sich die Teilnehmer mit dem Behandlungsdruck im Maßregelvollzug. Es wurde darüber referiert, wie Patienten, deren Entlassung nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ansteht, dennoch auf ihr neues Leben in Freiheit vorbereitet werden können und wie die KNG im Rahmen des Entlassmanagements auf die Novellierung des Paragrafen 63 (Strafgesetzbuch) reagiert.

 

Zwei niederländische Referenten zeigten auf, welche Ansätze in Europa bei jenen verfolgt werden, die allgemein als Langzeitpatienten beschrieben werden. Des Weiteren wurde eine Forschungsarbeit vorgestellt, die sich mit der Effektivität von Anti-Gewalttrainings bei Maßregelvollzugspatienten befasst. Schließlich wurde aufgezeigt, mit welcher Problematik Gutachter konfrontiert sind, die Flüchtlinge begutachten müssen.

© Klinik Nette-Gut 2018 | Impressum | Datenschutz